Die Situation in Deutschland
In Deutschland ist der Prostitutionsmarkt detailliert gesetzlich geregelt, dabei im internationalen Vergleich sehr liberal. In den letzten Jahren ist die Nachfrage deutlich gestiegen, auch durch Sextourismus. Angemeldet sind ca. 32.000 Prostituierte, verschiedene Organisationen gehen von 250.000 Menschen aus (Mittelwert an Schätzungen). Dabei handelt es sich zu 90% um Frauen. Das Angebot wird vermehrt durch Frauen aus dem Ausland gedeckt (Schwerpunkt Osteuropa), aktuell geht man von 17% Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit aus.
Das EU-Parlament hat 2023 in einer Einlassung darauf hingewiesen: Prostitution beinhaltet in hohem Maße Gewalt gegen Frauen, also geschlechtsspezifische Gewalt. Verschiedene Studien (auch Bundesm. f. Gesundh u. Soz.) bestätigen: Prostituierte erleben in hohem Maße Gewalt im Kontext ihrer Arbeit. Weiterhin wird auf umfassende Gesundheitsprobleme hingewiesen. Prostitution gilt daher als „gefahrgeneigte Tätigkeit“. Gynäkolog*innen beschreiben neben verschiedensten Verletzungen, v.a. der Geschlechtsorgane, Infektionen, Fehlgeburten in der Schwangerschaft. In Studien werden zudem psychische Belastungen und Störungen diagnostiziert. Es gibt Angaben, dass bis zu 68% unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden, neben Alkohol- und Drogenabhängigkeit und Depressionen. Ebenfalls wird festgestellt, dass 80 bis 95% aller Prostituierten verschiedenen Formen von Gewalt in ihrem Leben ausgesetzt waren (sexueller Missbrauch als Kind/Jugendliche, Gewalt in der Familie, Gewalt durch Krieg, während der Flucht…).
Das wenigste des verdienten Geldes kommt bei Frauen an (überzogene Zimmermieten bis hin zu quasi Leibeigenschaft). Hilfsorganisationen melden zunehmend aggressivere Praktiken (analog der Entwicklung in der Pornografie). Zudem werden die Frauen, einmal angemeldet, oft in Deutschland herumgeschickt und damit der Kontrolle entzogen, was den Vertrauensaufbau in der Beratung erschwert.
Freiheit und Freiwilligkeit
Dreh-und Angelpunkt der Gesetzgebung ist die Freiwilligkeit, d.h. die Selbstbestimmung der „Sexarbeiterin“ (in Abgrenzung zur Zwangsprostituierten).
Da die Frauen sehr häufig aus dem Ausland kommen, können sich schlecht verständigen, weil sie kein Deutsch sprechen und verstehen. Wie bereits erwähnt, hat ein Großteil bereits Gewalt erlebt – oder befindet sich in einem Gewaltkontext. Ein Teil der „Freiwilligen“ fühlt sich von der Familie unter Druck gesetzt, Geld zu verdienen, kommt aus prekären Verhältnissen und extrem patriarchalen Strukturen. Ein anderer Teil wird durch die Loverboy-Methode (vorgetäuschte Liebesbeziehung) angeworben und findet sich verstrickt in einem perfiden System aus Ohnmacht, Schuldgefühlen und Abhängigkeit. Andere beugen sich schlicht der (angedrohten oder ausgeübten) Gewalt.
Es ist hinlänglich bekannt, dass sich Frauen in Gewaltsystemen sehr schwer damit tun, diese zu erkennen bzw. sich daraus zu lösen. Teils, um den eigenen Selbstwert zu wahren. Dazu kommen psychische Mechanismen wie z.B. Symptome einer PTBS: die sogenannte Dissoziation, bzw. „Dissoziative Identitätsstörung“. Es handelt sich um einen psychischen Notfall-Mechanismus: Missbrauchsopfer haben „gelernt“, ihre Körperwahrnehmung und ihre Emotionen auszublenden. Dies ist ein unbewusster, oft nicht zu steuernder Vorgang, der sich auch später im Leben entsprechend in ähnlichen Situationen (siehe Prostitution) automatisch wiederholt. Psychotherapeut*innen haben daher einen fachlich-kritischen Blick auf die angebliche „Freiwilligkeit“ in der Prostitution. Zudem gilt psychische Gesundheit als Voraussetzung für Freiwilligkeit (analog dem begleiteten Suizid – und letztendlich dem Recht, sich zu schaden).
Zudem zeigen Gerichtsprozesse gegen Menschenhändler wiederholt, dass eine wirkliche Trennung der legalen von der Zwangsprostituion schier unmöglich ist.
Sexualität und Menschenwürde
Wenn man diese zweifelhafte Abgrenzung Freiwilligkeit versus Zwang betrachtet, sind wir bei der Frage nach der Menschenwürde angekommen.
Es ist auf alle Fälle von einer sehr großen vulnerablen (also gefährdeten, verletzlichen) Gruppe auszugehen, die auf irgendeine Weise nicht selbstbestimmt handelt oder handeln kann. Aber ist es nicht eine wichtige Grüne Grundhaltung, den Schutz von vulnerablen und benachteiligten Gruppen zu gewährleisten? Bei der Prostitution wird das Selbstbestimmungsrecht einer selbstbewussten Minderheit über den Schutz einer vulnerablen Mehrheit gestellt. Kann das Recht auf Berufsfreiheit über dem Leid einer Mehrheit stehen? Bei einem Gefahrenspektrum wie in keinem anderen Berufsfeld. Nicht zu reden von patriarchalen und kapitalistischen Strukturen, die den Rahmen der Prostitution bilden.
Wir Grüne schauen ja sonst sehr genau hin, wann Sexualität wirklich selbstbestimmt erfolgt. Aktuell stehen wir als feministische Partei für die Regel: Nur ein Ja bedeutet Zustimmung. Gehen wir wirklich davon aus, dass eine Frau, die sich als Prostituierte anbietet, mit jedem Mann Sex haben will, der Geld auf den Tisch legt? 20x pro Schicht. Mit wirklich jedem – egal ob er grob, betrunken, gewalttätig, ungewaschen, herabwürdigend in seinen Forderungen oder ihr einfach unsympathisch ist? Ein Nein ist nicht im Geschäftsmodell vorgesehen, schon gar nicht bei der üblichen Vorauskasse. Und wer den Notknopf im Bordell drückt – was ist die Konsequenz im bestehenden System? Und die Vorstellung, dass die Frauen auf dem Straßenstrich sowieso jedem Mann ausgeliefert sind, zu dem sie ins Auto steigen, ist auch nicht besser.
Wie sehr glauben wir an den Mythos der kreativen, selbstbestimmten Sexarbeiterin?Schauen wir also genau hin – und sehen die Frau in diesem System, nicht das Klischee.
Die gesellschaftliche Dimension
In einer Freierstudie (2023, K. Adenauer-Stiftung) wurden anonym Erfahrungen/ Einstellungen von Freiern erfragt. Heraus kam, dass die Männer oft wissen, dass Gewalt im Hintergrund ist – es ist ihnen egal. Es ist die Einstellung vorherrschend, „alles“ mit den Frauen tun zu dürfen, schließlich habe „Mann“ bezahlt. Und es wird die Ansicht vertreten, es gäbe keine Vergewaltigung in der Prostitution. In dieser Haltung steckt Entmenschlichung.
Durch die Legalisierung des Sexkaufes wird das Bild vermittelt, Frauen zu kaufen sei „normal“. In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wollen wir beibehalten, dass vorrangig Männer Frauen kaufen können? Viele weitere Themen sind damit verbunden wie der Mythos des männlichen Triebes, die Verfügbarkeit von Frauen, die Objektifizierung der Frau und männliche Gewalt. Bei einem genaueren Blick geht es auch um das Vorgaukeln von sexueller Lust; der Mann wird im Glauben gelassen, die Frau zu befriedigen und bekommt somit ein völlig falsches Bild seiner eigenen Sexualität gespiegelt. Was sich wiederum in den sexuellen Beziehungen der Freier “zu Hause” auswirkt.
Insgesamt prägt Prostitution unsere Gesellschaft und steht insbesondere einer Gleichstellung der Geschlechter im Weg.
Die Mär der Freiwilligkeit dient allen Profiteuren – nur nicht den Frauen in der Prostitution. Es wird Profit auf ihre Kosten erwirtschaftet, die Freier beruhigen ihr Gewissen, der Staat entlastet sich durch die Legalisierung.
Zusammengefasst:
Gerade wir Grüne sollten als soziale, feministische Partei alte Irrtümer revidieren, uns für einen Systemwechsel einsetzen und das Nordische Modell fordern.
